Dieser Kurs macht Grosseltern zu Profis

21.02.2012

Elternschule Engeried, Sonnenhof AG Bern Wie ging das nochmals mit dem Wickeln? Und wie vermeidet man Konflikte mit der Schwiegertochter? Für unsichere oder besonders motivierte Grosseltern gibt es am Berner Engeriedspital spezielle Kurse.

Behutsam legt Hans Flury die rechte Hand unter den Kopf der Bébé-Puppe. Mit der linken stützt er ihren Rücken. Langsam zieht er die Puppe hoch, bis er sie in den Armen hält. «Unglaublich, wie klein die sind», sagt er. Der 80-Jährige ist am 1.Januar zum wiederholten Mal Grossvater geworden und möchte nun sein jüngstes Enkelkind von Anfang an begleiten. «Ich will zu einer Vertrauensperson werden», erklärt er. Am meisten freue er sich darauf, seinem Enkel später beizubringen, wie man ein Feuer anzündet – «auch mit nassem Holz». Das habe er selber früher bei den Pfadfindern gelernt.

Heute ist alles anders

Der Witwer ist ein Exot in den Grosseltern-Kursen am Berner Engeriedspital. In der Regel kommen Männer nur in Begleitung ihrer Frauen. Heute Abend ist Hans Flury sogar der einzige Mann unter den sechs Teilnehmenden. Sie alle sind aus ähnlichen Gründen hier: Sie wollen lernen, wie man mit Säuglingen nach aktuellem Erkenntnisstand umgeht und wo sie die schwierige Grenze zwischen Unterstützen und Einmischen ziehen.

Zum Beispiel Madeleine Kindler aus Rüfenacht: «Zu meiner Zeit hiess es noch, man solle die Kinder schreien lassen. Heute sagen sie, die Bébés bräuchten Geborgenheit und Schutz.» Sie lerne gerne dazu. Den Kurs hat ihr ihre Tochter geschenkt, die bald wieder arbeiten will. Das neue Wissen gäbe allen mehr Sicherheit, meint die 70-Jährige.

Auch Eveline Christen aus Münsingen will vor allem sicherer werden. «Mein Sohn ist heute 36, in dieser Zeit hat sich viel verändert», sagt sie. «Ich hatte Albträume wegen des plötzlichen Kindstods und dachte: Was, wenn das mir passiert?» Im Kurs habe sie erfahren, dass sie das Risiko senken könne, wenn sie das Baby auf den Rücken lege.

Weniger Stress für Familien

Seit Mai 2009 gibt es den Grosselternkurs an der Elternschule Engeried. Kursleiterin Katrin Schmidt erklärt: «Wir wollen als neutrale Fachpersonen die ältere Generation informieren und so für weniger Stress zwischen den Generationen sorgen.» Denn der unterschiedliche Wissensstand sorge oft für Spannungen. Etwa wenn es um die Ernährung geht: «Viele Grosseltern haben gelernt, dass man das Kind nach einem strengen Rhythmus alle vier Stunden stillt.» Inzwischen empfehlen Hebammen oft, den Säugling einfach trinken zu lassen, wenn er Durst hat. Katrin Schmidt betont aber: «Die Grosseltern, die zu uns kommen, haben meistens ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern und Schwiegerkindern.»

Ohne Eltern geht es nicht

Heute, am letzten Abend des dreiteiligen Elternkurses, sprechen die Anwesenden über heikle Themen, die zu Streit führen können. Die Kursleiterin zählt einige der Fettnäpfchen auf: unterschiedliche Ansichten zur Erziehung, Diskussionen über die Schlafensgewohnheiten, die Frage, wie man mit einem weinenden Baby umgeht. Teilnehmerin Susana Fankhauser aus Bern stellt die entscheidende Frage: «Ich will meiner Tochter helfen, wo ich kann. Wie viele Tipps darf ich geben, und wo fange ich an, mich einzumischen?» Katrin Schmidt rät zur Diplomatie: «Vielleicht fragt man einfach mal: Wieso machst du es so?» Wenn es unumgänglich sei, einzugreifen, sollte man dies möglichst früh tun, «bevor die Emotionen hochkochen». Sie mahnt aber: «Der Weg zu den Enkelkindern führt über die Kinder und Schwiegerkinder.» Deshalb sei eine gute Beziehung zu ihnen enorm wichtig. «Akzeptieren Sie, dass sie jetzt definitiv erwachsen sind.» Und: «Geben Sie ihnen das Gefühl, dass sie es gut machen.»

Der Kurs ist zu Ende. «Ich habe noch keine Stunde bereut», sagt Hans Flury. Er freut sich darauf, sein neues Wissen bald einzusetzen und «meinem Sohn und seiner Frau wieder mal einen Ausgang zu ermöglichen».

Grosseltern als Wirtschaftsfaktor: Dies ist der zweite Teil unser dreiteiligen Serie (siehe Artikel zum Thema). Am Montag folgt ein Interview mit der Berner Generationenforscherin Pasqualina Perrig.

(Berner Zeitung, Erstellt: 17.02.2012)