Experten am runden Tisch

Um das Thema Qualitätsmanagement aus einer dezidiert ärztlichen Sicht erörtern zu können, lud der SLH-Vorstand drei erfahrene Fachleute an einen Tisch. Dr. med. Annemarie Fleisch Marx, Chefärztin der Klinik Schloss Mammern, Prof. Dr. med. André Aeschlimann, CMO und Ärztlicher Direktor Rheumatologie der RehaClinic, sowie Dr. med. Hanspeter Flury, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Klinik Schützen in Rheinfelden, unterhielten sich mit Dr. Georg Kassowitz, der die SLH als selbständiger Berater in Qualitätsfragen unterstützt.



Georg Kassowitz: Worin liegen die zentralen Erwartungen an das Qualitätsmanagement aus ärztlicher Sicht?

Annemarie Fleisch Marx: Wir möchten, dass es den Patienten besser geht, dass der Outcome besser ist. Dabei soll es nicht nur ein Bauchgefühl, sondern messbar sein. Dies ist ein eher neuer, aber essenzieller Punkt. Ein zweiter Punkt ist, dass die Prozesse effizienter werden – eine wichtige Vorgabe für das Qualitätsmanagement.

André Aeschlimann: Ein zentraler Aspekt des Qualitätsmanagements ist, dass Ziele patientenzentriert definiert werden, effizient und wirksam angestrebt und durchgeführt werden und sich in der Folge auch messen und auswerten lassen.

Hanspeter Flury: Dieser Aspekt der Messbarkeit ist sehr interessant. Gerade in der Psychiatrie und Psychosomatik richtet sich der Blick stark auf den Einzelnen, jeder Patient ist ein Individuum. Trotz dieser Ausrichtung ist als Gegengewicht das Kollektiv wichtig. Es ist spannend, sich auch mit Gruppenergebnissen zu beschäftigen. Zudem ist das Qualitätsmanagement hilfreich, um nicht in
gewohnten Abläufen zu verharren. Sobald man etwas explizit machen muss, erkennt man vielleicht, was man verändern kann. Letztlich braucht es einen Prozess, um herauszufinden, was Sinn macht und was nicht. Und dabei kann das Qualitätsmanagement helfen. Sofern man es gut und richtig macht.

Georg Kassowitz: Wir sind uns also einig, dass Messbarkeit notwendig ist. Jedoch wird manchmal behauptet, dass man gewisse Themen der Qualität gar nicht wirklich messen kann.

André Aeschlimann: Messen kann man immer. Die Frage ist, was man damit erreichen und aussagen will. Man muss die Ergebnisse auch richtig interpretieren können. Ein anderes Problem bezüglich Messungen ist, dass sie relativ jung sind – man hat wenig Erfahrung.


Annemarie Fleisch Marx: Es stimmt, bezüglich Messungen befinden wir uns in einem Lernprozess. Zu Beginn meiner Tätigkeit in der Rehabilitationsmedizin waren sie noch unbekannt. Der Patient wurde aufgenommen, bestmöglich betreut, und am Ende ging er meistens relativ zufrieden wieder nach Hause. Zwar wurden subjektiv gewisse Ziele erreicht, aber nicht flächendeckend gemessen. Als das Qualitätsmanagement dann aufkam, hab ich mich damit zunächst schwer getan. Doch mittlerweile habe ich erkannt, dass ich mich viel gezielter verbessern kann, wenn ich diese Resultate kenne. Man kann Ziele festlegen und deren Erreichung beurteilen – ein deutlicher Vorteil, wie ich finde.

Hanspeter Flury: Die Qualitätserhebungen begannen, so glaube ich, in der Orthopädie,
um etwa die Qualität von Implantaten zu prüfen. In der Psychiatrie hatte man lange das Gefühl, dass sie so individuell sei, dass man die Qualität gar nicht auf diese Weise bewerten könne. Das stimmt natürlich so nicht. Die Homogenität der Symptomatik gibt es auch bei uns. Jedoch ist es wichtig, nicht einfach ein Entweder-Oder-Verfahren anzuwenden. Ich finde ein konsequentes Q-Management sehr wichtig. Aber für differenzierte, für überlegte Messungen, bei welchen man klar erkennt, was Sinn macht und was nicht. Darauf zu achten, ist unsere Aufgabe, gerade auch in der Psychiatrie.

Georg Kassowitz: Betreffend Qualitätsmanagement weisen Akutmedizin, Rehabilitation und Psychiatrie viele Gemeinsamkeiten auf. Es gibt aber auch Unterschiede. Wo liegen diese, und warum gibt es diese Unterschiede?

Hanspeter Flury: Bei einer Hüftoperation akzeptiert man schnell, dass die nachfolgende
Beweglichkeit der Hüfte mit dem Eingriff in Zusammenhang steht. Bei einer Depression ist es hingegen schwieriger zu beurteilen, was Spontanverlauf ist und was therapeutischer Effekt.

Annemarie Fleisch Marx: Auch in der Rehabilitation misst man subjektivere Dinge als in der Akutmedizin, legt den Fokus eher auf Prozesse als auf organische Aspekte. Bezüglich zentraler Erwartungen haben aber Akutmedizin, Psychiatrie und Rehabilitation die gleichen Ziele – die Qualität soll steigen, der Patient soll sich besser fühlen und eine höhere Lebensqualität haben.

André Aeschlimann: In der Rehabilitation geht es immer um die ganzheitliche Betrachtung einer einzelnen Person. Dass Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, sehen wir jeden Tag. Beispielsweise an einem Patienten, der eine schwere Operation mit anschliessender Infektion hatte. Fragt man ihn nach seinen Zielen, nennt er dann zum Beispiel den Wunsch, seine Katze zu Hause wieder in den Händen halten zu können, da diese ihn sicher sehr vermisse. Für mich als Arzt steht der Genesungsprozess im Vordergrund, der Aufbau der Ernährung, die medikamentöse Einstellung und die soziale und berufliche Wiedereingliederung. So müssen im Qualitätsmanagement sowohl körperlich-funktionelle wie auch affektive und partizipative Aspekte in Betracht gezogen werden. Deswegen ist das patientenzentrierte Management sehr wichtig.
Georg Kassowitz: Gibt es konkrete Auswirkungen, die durch ein zertifiziertes und gut kultiviertes Qualitätsmanagement erzielt werden können?

André Aeschlimann: Rehabilitation hat viel mit Interdisziplinarität zu tun. Wir arbeiten stark im Team. Ein zertifiziertes Qualitätsniveau kann natürlich interdisziplinäre Prozesse optimieren. Dadurch können Schnittstellen angeglichen werden. Das hat direkte positive Auswirkungen auf den Alltag. Eine hochstehende Zertifizierung der Abläufe dient der Arbeit im Alltag. Das kommt dem Patienten zugute – man hat mehr Zeit für ihn. Ebenfalls wertvoll ist, dass Zertifizierungen ein andauernder Prozess sind. Man schliesst ja nicht nach zwei Jahren ab und beginnt wieder neu, sondern es sollte im Alltag gelebt werden. So kann man die Prozesse kontinuierlich anpassen und optimieren.

Georg Kassowitz: Frau Fleisch Marx, in Ihrer Klinik haben Zertifizierungen ja eine lange Tradition. Im Bezug auf SLH haben Sie sich ja an einem der Pilotprojekte beteiligt und zählten zu den ersten Kliniken, die zertifiziert wurden. Hat für Sie das Thema zertifiziertes Qualitätsniveau eine besondere Bedeutung?

Annemarie Fleisch Marx: Ursprünglich ging es einerseits um das Label. Man wollte sich hervorheben und zeigen, dass man seine Prozesse im Griff hat. Andererseits wurde der Betrieb immer komplexer, es war nicht mehr möglich, alles im Kopf zu behalten. Das waren wohl die beiden Hauptgründe für die Zertifizierung. Mittlerweile hat die Erfahrung gezeigt, dass es ohne Qualitätsmanagement gar nicht mehr geht. Es braucht klare Strukturen. Zertifizierungen mögen lästig sein, sie kosten, sie kommen immer wieder. Aber sie zwingen zur immer wiederkehrenden Verbesserung. Darum braucht es sie. Ob es jedoch so viele Zertifizierungen braucht, ist eine andere Frage.

Hanspeter Flury: Tatsächlich sind Zertifizierungen ein erheblicher Zusatzaufwand.
Wir hatten dieses Jahr drei Audits. Das ist ziemlich viel. Es gäbe zweifellos Synergien und würde wohl Sinn machen, sich gegenseitig stärker abzustimmen und gewisse Dinge einer anderen Zertifizierung anzuerkennen. Doch letztlich kann man natürlich selbst gewichten, welche

Zertifizierungen man erhalten will. Uns ging es zu Beginn darum, die Dinge deutlich zu machen. Wir wollten von der Kultur des Spürens wegkommen, um verbindlicher zu werden. Ausserdem wollten
wir kommunizieren, wie einzelne Abläufe gehandhabt werden. Das stärkt eben auch
die gefühlte Kompetenz.

Georg Kassowitz: Spürt denn der Patient gewisse Vorteile, wenn eine Zertifizierung
vorhanden ist und wenn eine Klinik SLH-Mitglied ist? Und was spürt er wirklich?

André Aeschlimann: Ob die Betreuung hochqualifiziert ist, ob Profis am Werk sind, das spüren Patienten schnell. Was sie aber auch erkennen, ist der Spirit, wie Mitarbeitende umgehen mit Problemen, mit anderen Mitarbeitenden und natürlich mit Patienten. Wenn Qualität als aktive Philosophie gelebt wird, merkt das der Patient zweifelsohne. Dahingehend stetig zu arbeiten, das ist das Ziel, das mit der Zertifizierung erreicht werden soll.

Annemarie Fleisch Marx: Tatsächlich hat sich die SLH verstärkt in das Thema Qualität vertieft. Die medizinische Qualität stand immer im Vordergrund, doch in letzter Zeit wurde sie noch zentraler. Die Hotellerie ist und bleibt wichtig, aber letztendlich geht es um das medizinische Angebot und dessen Qualität. Als langjähriges Mitglied der SLH merken wir, dass diesbezüglich in den letzten zwei bis drei Jahren ein Schub stattgefunden hat. Wenn das so weitergeführt wird, ist das zweifellos anstrengend, aber sicher sehr förderlich für das Niveau der Kliniken. Und auch das wird der Patient spüren.

André Aeschlimann: Was ebenfalls zentral ist: Wir sind Bestandteil einer funktionierenden Behandlungs- und Versorgungskette. Wenn bei uns Prozesse gut definiert und standardisiert sind, gelten wir als zuverlässiger Partner für andere. Für zertifizierte Spitäler ist es wichtig, wenn man weiss, was hinter einer Zertifizierung steckt, worauf man aufbauen kann und wie man partnerschaftlich miteinander umgehen kann. Man hat die gleichen Werte, spricht die gleiche
Sprache. Das ist wichtig fü die Zusammenarbeit unter Institutionen.
Georg Kassowitz: Noch eine abschliessende Frage, die im Verlauf des Gesprächs bereits angetönt wurde: Gibt es zu viele Zertifikate?

Annemarie Fleisch Marx: Ja, es gibt eindeutig zu viele. Es kann kein Ziel sein, dass man sich jedes Jahr für drei Zertifikate prüfen lassen muss. Man sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren, vielleicht ein bis zwei Zertifikate pro Jahr. Sonst machen wir nur noch Zertifizierungen, und der Patient wird auf dem Nebengeleise betreut.

André Aeschlimann: Ein wichtiger Punkt ist natürlich, dass der Gesetzgeber und die Leistungserbringer darauf achten, dass die Sicherheit des Patienten gewährleistet ist. Die Messungen dienen der Qualität, aber eben auch dem Gesetzgeber, um zu überprüfen, ob man sich an die Sorgfaltspflicht gehalten und alles richtig gemacht hat, damit dem Patienten kein Schaden entsteht.

Hanspeter Flury: Die Befunde, Auswertungen und Statistiken generieren ein grosses Arbeitsvolumen. Doch niemand will deswegen mehr bezahlen. Kanton, Bund, Verbände, alle Beteiligten verlangen mehr statistische Daten. Einerseits muss man sie liefern, andererseits muss man sie diskutieren und mit ihnen arbeiten. Wir haben am Anfang festgehalten, dass Ergebnismessungen wichtig sind. Doch sie müssen sinnvoll sein. Und sie müssen machbar sein.



Personalien
Dr. med. Annemarie Fleisch Marx, Chefärztin der Klinik Schloss Mammern
Prof. Dr. med. André Aeschlimann, CMO und ärztlicher Direktor Rheumatologie an der RehaClinic
Dr. med. Hanspeter Flury, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Klinik Schützen in Rheinfelden

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